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Tanz in Indien

Das heutige Indien ist so groß wie Westeuropa und ebenso vielfältig. Anders als in Europa mussten die Menschen, wenigstens in Südindien in mehr als zweitausend Jahren zwar Fremdherrschaften und blutige Kriege, aber keine großen kulturellen Brüche verarbeiten. Neue Einflüsse wurden in die vorhandene Kultur eher integriert anstatt diese zu überlagern. Deshalb ist die Kultur des Subkontinents so überaus reich und vielschichtig.

Lebendiger Bestandteil dieser Kultur(en) ist nach wie vor der Tanz. Unter den vielen Tanzformen in Indien nehmen die klassischen mit ihren langen Traditionen, ihren ausgefeilten Techniken und ihrem spirituellen Hintergrund eine besondere Stellung ein.

 

Bis heute wurden in Indien acht klassischen Tanzstile anerkannt. Diese sind:

Hier ein Einblick in die spirituellen, die geschichtlichen und die technischen Hintergründe, die all diesen klassischen Stilen gemein sind.

Ursprungsmythos des Tanzes

Die indische Mythologie ist vom Tanz durchdrungen. Wie die hohe Tanzkunst von den Göttern kreiert wurde und dann zu den Menschen Indiens gekommen ist, wird in den alten Regelwerken dieser Kunst beschrieben. Die älteste und wichtigste unter diesen Schriften, die uns heute zugänglich ist, ist das Natyashastra von Bharata Muni. Das Natya Shastra enthält Grundlagen, die noch heute für alle Stile des klassischen Tanzes im indischen Kulturraum gelten. Im Natyashastra wird die Schöpfung der dramatischen Kunst, des Natya, wie folgt beschrieben:

 

Eines Tages beschloß der Schöpfergott Brahma aus den vier Veden, den spirituellen Leitschriften im alten Indien, einen fünften Veda, den Natyaveda, zu kreieren, denn die alten Veden wurden von den Menschen nicht mehr verstanden. Durch den Natyaveda wollte er Moral und Philosophie auf unterhaltsame Weise zugänglich machen.

Den vier alten Schriften entlehnte er für seinen Natyaveda die Rezitative, den Gesang, die schauspielerische Darstellung und das Gefühl. Der Götterkönig Indra sollte mit seinen Göttern die Anleitungen des Natyaveda umsetzen. Indra musste aber bald feststellen, dass Götter für diese Kunst gänzlich ungeeignet waren. Es fehlte ihnen die Lebenserfahrung. Brahma und Indra wurde klar, dass sich die Lehren des Natyaveda nur mit der Hilfe gebildeter und lebenserfahrener Menschen umsetzen ließen. So wurde der Weise Bharata von Brahma beauftragt, den Inhalt des Natyaveda mit Hilfe seiner hundert Söhne zu erarbeiten und Bharata Muni begann seine Arbeit an einem Regelwerk für die darstellende Kunst.

Mit dieser Geschichte beginnt das Natyashastra und erzählt damit von seiner eigenen Entstehung.

Ziemlich bald -so erzählt das Natya Shastra weiter- war klar, dass die Umsetzung des Natya Veda nicht vollkommen sein kann ohne anmutigen Ausdruck. Shiva wurde um Hilfe gebeten und er unterwies Bharata und seine Söhne in den Techniken, Bewegungen und Posen seines Tanzes. Seine Gattin, Parvati, gab die liebliche und graziöse Variante von Tanz dazu.

Aus den Tiefen der Zeit

Es liegt bestimmt auch an ihrem Alter, dass die hohe Tanzkunst Indiens so mystifiziert wird. Die Bronzestatuette eines Mädchens mit anmutig gebogenem Körper aus Mohenjodaro ist etwa 4500 Jahre alt und wird oft als erster Beleg für eine Tanzkultur in der damals florierenden Industal-Zivilisation interpretiert.

 

Berseits in den Veden, deren älteste Niederschriften nach den vorsichtigsten westlichen Schätzungen ca. 1200 v. Chr. - 900 v. Chr. statt gefunden haben, wird oft von tanzenden Göttern erzählt.
Die großen indischen Epen, das Mahabharata und das Ramayana, sind vermutlich ebenfalls lange mündlich weitergegebenen worden und erst um die Zeitenwende niedergeschrieben. Die Dichtungen beziehen sich höchstwahrscheinlich auf historische Ereignisse aus dem 9.-7. Jahrhundert v. Chr. Sie enthalten viele Beschreibungen von Tanz. Der Held des Mahabharata, Arjuna, nimmt sogar zwischenzeitlich an einem königlichen Hof eine Stelle als Tanzlehrerin an.

 

Ab dem 5. Jahrhundert v. Chr. verdichten sich die Hinweise auf eine hoch entwickelte darstellende Kunstform:

Der Grammatiker Panini (5. oder 4. Jahrhundert v. Chr.) soll ein Werk erwähnt haben, das Nata Sutra genannt worden ist. Von zwei Experten, Silalni und Krisasva, verfasst, soll es Regeln und Grundlagen des Tanzes enthalten haben und ein Leitfaden für den darstellenden Künstler der Zeit gewesen sein.

Im Arthashastra, dem Staatslehrbuch des Kautilya, das wahrscheinlich in die Zeit um 300 v. Chr. datiert, erwähnt der Autor die Existenz von Tempeltänzerinnen.

Chandraguptas Enkel Ashoka (268-252 v. Chr.) ist zum noch jungen buddhistischen Glauben konvertiert und liess - zu seiner Zeit also gängige - öffentliche Tanzdarstellungen verbieten. Diese wurden von Nachfolgern ausdrücklich wieder eingeführt.

 

Um den Beginn unserer Zeitrechnung (+/- 200 Jahre) ist dann die Tanzkultur in Indien zur vollen Entfaltung gekommen. In verschiedenen Schriften jener Zeit wird das hohe Können der Tempeltänzerinnen, der Haremsfrauen an den Höfen und der vornehmen Hetären in den Städten (gebildete Frauen, wie im alten Griechenland) gerühmt. Seit ca. 200 v. Chr. sind an buddhistischen Stupas und an den Tempeln hinduischischer Götter immer häufiger Tanzfiguren in charakteristischen Körperhaltungen und mit symbolischen Handgesten dargestellt worden. Der Tanz, die Musik, das Vortragen und theatralische Darstellen müssen in diesem Zeitraum ein so hohes Niveau gehabt und eine solche Verbreitung gefunden haben, dass die schriftliche Kodifizierung der ästhetischen Grundsätze und Formen der darstellenden Künste bis ins Detail notwendig geworden war, denn um diese Zeit entstand das Natyashastra des Bharata Muni.

 


In den folgenden Jahrhunderten haben sich nicht nur in fast allen indischen König- und Fürstentümern individuelle und doch voneinander inspirierte Kulturen gebildet. Auch die Kulturen des Handelsraums in Südost Asien wurden davon inspiriert und geprägt. Der kodifizierte Tanz war fast immer ein fester Bestandteil einer solchen Regionalkultur. Im tamilischen Süden ist im 4. oder 5. Jahrhundert das große Epos ,Silappatikaram', in dessen Mittelpunkt die Tänzerin Mahavi steht, entstanden. Darin werden mehrere Tänze exakt beschrieben. Im Westen Indiens sind die Höhlentempel von Ajanta (200 v. Chr ? 700 n. Chr.), Ellora (9. Jahrhundert) und Elephanta (10. Jahrhundert) mit vielen wunderschönen Tanzdarstellungen entstanden. Paläste und Tempel aller Glaubensrichtungen in allen Teilen Indiens sind mit Tanzmeistern und Tänzerinnen - und ihren steinernen Abbildern - reich geschmückt worden. Diese Entwicklung hat vom 11. bis zum 13. Jahrhundert in den Gestaltungen der Tempel von Chidambaram im Süden, Khajuraho im Zentrum, Chittor im Norden und Konark im Osten des heutigen Indiens gegipfelt. Die vielen Darstellungen spiegeln nicht nur die Popularität der Kunst in dieser Zeit wider. Sie sind oft auch Serien präziser Abbildungen der Tanztechniken, steinerne Bilderlexika des Tanzes.

Experten des Fachs - unter ihnen einige Könige - haben das Natyashastra immer wieder als Inspiration zu kritischen Kommentaren, überarbeitungen oder oft ganz eigenständigen Versionen eines Lehrbuchs über die darstellenden Künste genommen.

Neue Einflüsse aus dem Norden

Im Norden Indiens wurde 1206 das Delhi-Sultanat gegründet. Die Herrschaft der Muslime hat die Entwicklungen der Kultur in ihrem Einflußgebiet in eine andere Richtung gelenkt. Während die Kunst unter der Patronage von Tempeln und hinduistischen Königen im Osten und Süden des Landes weiter fester Bestandteil religiöser Riten und Feste gewesen ist, hat sie sich nun im Norden vom hinduistischen, religiös-rituellen Hintergrund gelöst. Die Schwächung der Tempel hat die Künstler dazu gebracht, sich nach weltlichen Mäzenen zu richten und sich dem Geschmack der muslimischen Elite anzupassen. Besonders unter den Moguln haben sich die indischen Tänzer vom persischen Tanz und von der neu entstehenden Musik an den Höfen der fremden Herrscher inspirieren lassen. So beginnt die Entwicklung eines Stils, den wir heute als Kathak kennen. Im Reich der Moguln, die die Kunst in ihrer neuen Heimat sehr gefördert haben, wurden weiterhin bis ins 19. Jh hinein Abhandlungen über Tanz, Theater, Dichtung und vor allem Musik verfasst, Skulpturen von Tänzerinnen in den Tempeln verschwanden hier aber weitgehend.

Englische Zeit

Die Engländer haben ihre Macht in Indien seit der Gründung der Ostindiengesellschaft im Jahr 1600 kontinuierlich ausgebaut. Was weder irgendeinem indischen Fürsten noch den muslimischen Herrschern zur Gänze gelungen war, schafften die Eindringlinge aus Europa: Die Fürstentümer Indiens wurden von ihnen erstmals unter einer einzigen Regierung vereinigt. Im Jahr 1858 übernahm die britische Krone die Regierungsgeschäfte Indiens.


Offiziell haben sich die Kolonialherren nicht in Religionsfragen eingemischt. Doch die Briten haben den Hinduismus mit seinen vielen Göttern als heidnische Religion betrachtet und es gab viele Missionierungsversuche unter ihrer Herrschaft. Die Tradition der Tempeltänzerinnen und -sängerinnen (Devadasis: Dienerinnen Gottes) ist bei den Puritanern auf besonderes Unverständnis gestossen. Die Frauen, die diese Dienste versehen haben, waren mit dem Gott verheiratet aber nicht keusch. Die Hochzeit mit dem Gott ist meist stellvertretend durch den lokalen König oder Fürsten vollzogen worden. Danach konnten die Frauen ihre Partner unter den Priestern und den Angehörigen der oberen Kasten ihrer Stadt wählen. Von Pilgern haben sie Geld und Geschenke für rituelle Dienstleistungen erhalten, mit diesen war ihnen sexueller Kontakt allerdings strikt untersagt. Diese Lebensführung ist von den Briten mit dem Begriff ,Tempelprostitution' gebrandmarkt worden, und diese negative Sichtweise wurde mehr und mehr von der britisch erzogenen indischen Elite geteilt. So ist Ende des 19. Jahrhunderts die Anti-Nautsch- (Anti-Tanz-)Bewegung im Süden Indiens entstanden. Junge, gebildete Inder haben sich gegen die Dekadenz ihrer eigenen Kultur gerichtet und wetterten in Zeitungsartikeln gegen die Tradition der Devadasis. 1947 wurde die Weihung von Tempeldienerinnen im Staat Madras als illegal erklärt.

Wiederentdeckung der Tanztraditionen

Seit ihrer Unabhängigkeit vom britischen Empire entdecken die Inder ihre reiche Kultur und somit auch ihre Tanztraditionen neu: die Folklore-Tanzstile - Desi Nrtya -, vor allem aber die klassischen Tanzstile - Margi- oder Shastra Nrtya. Das Attribut ,klassisch' bedeutet ,den alten Regelwerken folgend', meint also einen Tanzstil, der streng reglementiert ist und sich am Natyashastra oder einer der nachfolgenden Schriften orientiert. Besonders unter der Patronage der Tempel wurden die klassischen Regelwerke streng befolgt, und so ist ,klassischer Tanz' oft gleichbedeutend mit ,Tempeltanz'.

Welcher Tanzstil sich heute ,klassisch' nennen darf, bestimmt seit der Unabhängigkeit Indiens die Central Sangeet Natak Academi in Neu Delhi. Ein weiterer Status ist ,semiklassisch'. Semiklassisch ist ein Stil, der zwar klassische Züge hat, dem aber ein letztendlicher Bezug zu einer der klassischen Schriften fehlt. Solche Tanztraditionen steigen durch die engagierte Arbeit von Tanzmeistern und Schriftgelehrten immer wieder in die Riege der klassischen Tänze auf.

Unter Tänzern und Tanztheoretikern in Indien ist die Ansicht verbreitet, dass alle indischen Tanzdialekte einer Urform entstammen. Der Rekonstruktion dieses Urtanzes hat sich u. a. die im Bharata Natyam ausgebildete Tänzerin Padma Subrahmanyam verschrieben. Ihre Entdeckungen und Rekonstruktionen der alten Tanztechniken sind bahnbrechend. Gegen die Theorie einer Urform, die im Natyashastra kodifiziert wurde, und aus der sich die anderen Stile entwickelt haben, spricht, dass im Natyashastra selbst schon regionale Stile erwähnt werden. Wahrscheinlicher ist, dass der Tanz des Natyashastra -von Frau Dr. Subrahmanyam als ,Marga', also klassisch, bezeichnet- auf die bereits existierenden regionalen Stile Einfluß genommen hat. Dieser Einfluß reicht weit über die Grenzen Indiens hinaus. Religion, Architektur, Literatur, Musik, Philosophie und Tanz in einem großen Bereich Südostasiens sind nachhaltig von Indien beeinflußt worden.

Die Besonderheiten des indischen Tanzes

Der Tanz, der im Natyashastra beschrieben wurde, war eigentlich nur Teil der Kunst 'Natya'. Dieser Begriff umfasste ursprünglich alle Aspekte, die mit einer Bühnenproduktion in Zusammenhang stehen, also nicht nur den Prozess der Darstellung durch Ausdruck, Tanz, Gesang, Rezitative und begleitende Musik, sondern auch Makeup, Kostüm, Bühne, Beleuchtung, das Schauspielhaus und dessen Organisation. All dies ist Gegenstand des Natyashastra.

Der Tanz hat sich im Laufe der Zeit aus diesem Kontext gelöst oder darin die beherrschende Stellung eingenommen. Der ursprünglichen Form ist unter den heutigen klassischen Tanzstilen vielleicht der Kathakali am nächsten.

In allen klassischen Tanzstilen werden vom Tänzer komplexe dramatische Aufgaben übernommen. Durch den Tanz werden ohne Hilfe der Sprache, abgesehen von den Texten der begleitenden Musik, Geschichten dargestellt. Die Tänze, in denen dieses geschieht, werden heute als ,Abhinaya' bezeichnet und sind eine besondere Disziplin. In die Techniken des Abhinaya wird der Lernende in der Regel erst eingewiesen, wenn er/sie die Techniken des reinen Tanzes gemeistert hat.

Abhinaya bedeutet wörtlich 'herüber tragen', 'übermitteln' oder 'mitteilen'. Zentrales Thema des Abhinaya sind die Bhavas (Stimmungen, Emotionen), die auf die Zuschauer übertragen werden und bei diesen den Bhavas entsprechende Rasas (Gefühle, Empfindungen) erwecken sollen. Die Geschichten, die in den Abhinaya-Stücken getanzt werden, sind Mittel zu diesem Zweck. Trotzdem sind sie oft sehr kompliziert. Traditionell werden Geschichten aus der indischen Mythologie getanzt. Um diese, oft als einzelne Person, überhaupt darstellen zu können sind in den alten Regelwerken die Techniken genau festgelegt: Die Bewegungen von Augen, Augenbrauen, Augenlider, Nase, Lippen, Wangen und Kinn werden aufgeführt. Mit dem Gesicht können Emotionen wie Eifersucht, Schmerz, Freude, Scham, Verzweiflung und Abscheu dargestellt werden. Auch die Bewegungen des Kopfes, der Brust, des Bauches, der Seiten, der Hüften, der Füße und vor allem der Hände sind genau kodifiziert.

Die Kodifizierung der Handgesten - Hastas oder Mudras - nimmt die wichtigste Stellung unter diesen Techniken ein. Durch die Hände kann ein Tänzer praktisch den ganzen Text einer epischen Erzählung oder eines poetischen Liedes bildlich umsetzen. Die eleganten Handgesten werden aber auch zur Verziehrung des nicht erzählenden Tanzes eingesetzt.

Die pantomimischen Züge und der Gebrauch der Handgesten sind zwei der für den indischen und indisch inspirierten Tanz typischen Techniken. Die dritte ist das rythmische Stampfen bzw. Klatschen der nackten Füße auf dem Boden, das meist noch durch das Tragen von Schellen (Gungroos) an den Füßen unterstrichen wird. Diese letzte, für den indischen Tanz so typische Technik wird in keinem der alten Regelwerke wirklich umfassend behandelt. Auch finden wir sie nicht in den sonst so eindeutig vom klassischen Tanz Indiens inspirierten Tänzen Balis und Thailands, auf die die indische Kultur am intensivsten in den ersten sechs Jahrhunderten unserer Zeitrechnung ausgestrahlt hat. Hingegen sind sie im Flamenco, der wesentlich später von den aus Nordindien stammenden Sinti und Roma inspiriert wurde, eine zentrale Technik. Dieses sind Indizien dafür, dass das Klatschen oder Stampfen von komplexen Rhythmen mit den Füßen, das im nordindischen Kathak die höchste Volkommenheit erreicht hat, erst nach dem 6. Jh im Norden Indiens zu einer wichtigen Technik des Tanzes wurde.




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